ANALOGON FÜR DIGITAL III
ANALOGON FÜR DIGITAL III
Doris Frohnapfel (1959, Düsseldorf)
Ob in Fotografien, plastischen Arbeiten oder Installationen: Doris Frohnapfel versucht eine Rekonstruktion der Vergangenheit, spürt Sedimente der Geschichte auf, betreibt eine Archäologie der Gesellschaft und beschreibt eine andere Seite der Dinge.
2015 museum global: Europa / Jenseits von Europa, Schmela Haus, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf
2017 Sharing Cities – Raum als Urban Common, Alademie CityLeaks – Urban Art Festival, mit Margit Miebach, Köln
2023 Around world world, Galerie M29 Richter, Köln
O.T., 2022
Fotografie
Fine Art Print
90 x 120 cm
O.T., 2023
Fotografie auf Folie
90 x 120 cm
Lithiumabbau Chile, KSTA 28.1.2023, 2025
Aquarell
33 x 44 cm
Riduzione del ghiaccio Punta Rocca, La Republica 22.6.2023, 2025
Aquarell
33 x 44 cm
Waldbrand, Griechenland, taz 24.7.2023, 2025
Aquarell
33 x 44 cm
Aque Basse
Die Umgebung, die Doris Frohnapfel mit ihrem Fahrrad von Rom aus erkundet, liegt am Tyrrhenischen Meer zwischen Fregene und Fiumicino und hat viele kulturell bedeutsame Orte. Zunächst befindet sich hier der antike Hafen Roms namens Ostia Antica aus dem 4. Jahrhundert und gelegen an der Mündung des Tiber. Ein anderer kulturell bedeutsamer Ort ist Fregene, ein historischer Badeort und in Italien bekannt als Drehort für Frederico Fellinis Film „Lo Sceicco Bianco“ (Der weiße Scheich) von 1952. Später, in den 60er und 70er Jahren, war er häufiger Treffpunkt der Bohemien aus Rom. Aber in Doris Frohnapfels Erkundigungstouren und Reisebericht spielt das beeindruckende kulturelle Erbe der Gegend keine vordergründige Rolle. Historische Referenzen sind im Beiwerk des Vorhabens aufgehoben.
Der Landstrich um den Aeroporto di Roma-Fiumicino, wie wir ihn in den Arbeiten von „Acque Basse“ kennenlernen ist das Gegenteil von historischer Quellensuche oder filmreifem Glamour. In „Acque Basse” dominieren bestellte Felder und unbestimmtes Grasland. Eine Zugstrecke, ein Kanal, ein Fluss, Auto- und Schotterwege durchkreuzen das Land und treffen auf nutzbringende und nutzlose Spuren menschlicher Arbeit. Am auffälligsten sind die Hydranten und sonstige Artefakte, die auf wasserintensive Landbauaktivitäten hinweisen. Im Reisebericht von Doris Frohnapfel lesen wir: „Auf Schotterwegen fahre ich als Nächstes durch eine flache Gegend mit großen bestellten Feldern, die mit Ent- und Bewässerungsgräben durchzogen ist. Die ersteren sind ausgetrocknet, in die letzteren wird über Pumpwerke am Tiber Wasser geleitet und in die Sprinkler- und Sprühanlagen verteilt. Mit der Zeit nehme ich außerdem die alten zugewachsenen Kanäle mit ihren verrosteten Ab- und Aufsperrvorrichtungen für die Wasserverteilung wahr. Zudem ragen an den Feldern Rohre als Wasserzapfstellen aus dem Boden, die auf eine zusätzliche unterirdische Infrastruktur hinweisen“.
Wo einst das Meer war, muss heute künstlich Wasser zugeführt werden…
Ideen über Raum sind seit der Antike in Vorstellungen von Natur (Griech. physis) eingelagert. In „Acque basse‘ fühle ich mich mit archaischen und aktuellen Raum- und Naturerfahrungen konfrontiert. Die Aquarelle, Fotos, das Video, Reisebericht und Schlauchstücke konstruieren ein vielschichtiges Portrait einer Gegend im Anthropozän, worin der Mensch mehr denn je auf die ursprüngliche Natur eingewirkt hat… Die Aquarelle von Doris Frohnapfel (…) basieren auf den Eindrücken der Künstlerin, den Fotos und Vorlagen aus Zeitungen und dem Internet. Sie zeigen wie die bereiste Landschaft auch noch Monate später die Gedanken der Künstlerin beschäftigten und sie zur Recherche und anschließend zur Aquarellmalerei anregte.
…Kant zufolge ist die Geographie nämlich die einzige Wissenschaft, die das Ordnungsprinzip „Welt“ (die anderen sind „Gott“ und „Seele“) objektiv erfassen kann: Erdbeschreibung ist deshalb „Vorübung in der Kenntnis der Welt“. In diese Richtung deutet auch die Art von Unmittelbarkeit, die Frohnapfels „Fotokladde“ – eine Wortschöpfung der Künstlerin, die das vorläufige und experimentelle ihrer Fotos betont – ihre Aquarelle von Flussbetten, ausgetrockneten Lagunen, Eis- und Permafrostrückgängen, die gefilmten Inspektionsgänge der Kontrolleurin, der verschriftlichte Reisebericht und das Fundstück – der Schlauch – für mich haben. Weder die romantische Interpretation der Natur als Kulisse für die Psyche noch die bürgerliche Idylle des Lieblichen kennzeichnet „Acque basse“. Stattdessen sind wir als Betrachterinnen und Betrachter Teil eines künstlerischen Versuchs, wie im 21. Jahrhundert auf nüchterne, nicht didaktische und direkte Weise eine historische Landschaft an die Nachwelt überliefert werden kann, dabei stets wissend um die Mängel der Wiedergabe: the map is not the landscape.
„Acque basse“, entstanden zwischen 2022 und 2025, besteht neben einem 13-minütigen Video, aus über 100 gebündelten Farbfotografien, circa 20 DIN-A3 großen Aquarellen, einem schriftlichen Reisebericht der Künstlerin, einer singulären Farbfotografie von 90 x 120 cm und schließlich den Stücken eines unbrauchbaren Wasserschlauchs.
Marjorie Jongbloed